Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie (IKAÖ) |
Der Begriff der Nachhaltigkeit – von den Vereinten
Nationen in die Arena der internationalen Politik eingebracht – ist fester
Bestandteil internationaler Verhandlungen und Konferenzen. Angefangen mit dem
Brundtland-Bericht von 1987 werden in der Arbeit die wichtigsten Dokumente dieser
Debatte erschlossen. Das Verständnis von 'Nachhaltigkeit' und 'nachhaltiger
Entwicklung' der Vereinten Nationen sowie die daraus erwachsenden Anforderungen
werden erstmals anhand dieser Dokumente herausgearbeitet.
Untersucht wurden
Ergänzend dazu werden in einem Anhang die vom World Summit on Sustainable Development (WSSD) in Johannesburg im August/September 2002 verabschiedeten Dokumente besprochen.
Ziel der Untersuchung war es,
Die Idee der Nachhaltigkeit soll gemäss den Vereinten Nationen Ausdruck einer optimistischen Haltung sein. Sie soll verwirklichbar – also keine Utopie – sein, aber dennoch von einer Vision der Zukunft ausgehen. Die gesamte Gesellschaft soll daran beteiligt werden, eine Vision der Zukunft zu entwerfen, die die Interessen und Sichtweisen aller respektiert und vereint. Die Idee der Nachhaltigkeit soll eine übergeordnete Leitlinie für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft darstellen und erlauben, Umwelt und (soziale wie wirtschaftliche) Entwicklung integriert zu betrachten. Sie soll sich auf die gesamte Menschheit beziehen und dabei eine Perspektive zur Verfügung stellen, aus der nicht nur die gegenwärtig lebenden Menschen, sondern ebenso künftige Generationen in den Blick genommen werden.
Die Vereinten Nationen haben mit ihrem umfassenden Ansatz eine Bedeutung von 'Nachhaltigkeit' geprägt, die sich von einem alltagssprachlichen, forstwirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeitsverständnis unterscheidet: 'Nachhaltigkeit' charakterisiert den Zustand, den eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen sucht, meint also das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung; dieser Zustand ist dann erreicht, wenn alle Menschen ihre (Grund-)Bedürfnisse und ihren Wunsch nach einem guten Leben befriedigen können und zugleich gesichert ist, dass dies auch für künftige Generationen der Fall sein wird.
Die mit dem Nachhaltigkeitsverständnis der Vereinten Nationen einher gehenden Anforderungen sind nur schwer und in Teilen wohl gar nicht erfüllbar, die damit Hand in Hand gehenden Fragen und Schwierigkeiten – angefangen mit der Bestimmung des guten Lebens, über die Realisierung des postulierten herrschaftsfreien Diskurses aller Menschen bis zur Begründung von Bewertungskriterien – scheinen unüberwindbar. Dennoch birgt das umfassende Nachhaltigkeitsverständnis der Vereinten Nationen eingrosses Potential:
Diese Idee der Nachhaltigkeit erlaubt einen integrierten Blick auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Sie gestattet, Umweltbelange in eine umfassende Sicht menschlicher Entwicklung zu integrieren und das gesamte menschliche Handeln in den Blick zu nehmen – dies können weder der sektorgebundene forstwirtschaftliche noch der umweltbezogene ökologische Begriff der Nachhaltigkeit bieten. Die Idee der Nachhaltigkeit im Verständnis der Vereinten Nationen lädt zudem zu einer kulturübergreifenden Auseinandersetzung mit der Frage ein, welches die Ziele dieser Entwicklung sein sollen und was ein gutes (menschliches) Leben ausmacht. Sie regt so eine gesellschaftliche Reflexion auf der internationalen, nationalen und lokalen Ebene an und ermöglicht ein offensives Angehen von Zielkonflikten. Schliesslich fordert sie zur Bildung langfristiger Visionen und so zu einer bewussten und aktiven Gestaltung der Zukunft auf.
Die Arbeit wird eingeleitet durch eine Darstellung der Bedeutung von 'Nachhaltigkeit' im Kontext der Forstwirtschaft, durch eine Erörterung der Ergebnisse und Probleme der ersten internationalen Umweltkonferenz von 1972 in Stockholm sowie durch eine Darlegung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der World Conservation Strategy von 1980 (WCS). Schliesslich werden die Ergebnisse der Arbeit in eine exemplarische Diskussion des Nachhaltigkeitsdiskurses eingebettet, und zwar anhand einiger vorläufiger Beobachtungen zum Begriff der Nachhaltigkeit, wie er in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert wird.
Die Dissertation wurde betreut von Prof. Dr. Andreas Graeser (Institut für Philosophie, Universität Bern). Prof. Dr. Ruth Kaufmann-Hayoz (Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie, Universität Bern) und Prof. Dr. Gerd Michelsen (Institut für Umweltkommunikation, Universität Lüneburg) waren Zweitgutachterin bzw. Zweitgutachter. Die Dissertation wurde durch die Interfakultäre Koordinationsstelle für Allgemeine Ökologie und aus Mitteln des Projekts "Planet 21 – Netzwerk 'Nachhaltige Entwicklung in Gemeinden'" des SPP Umwelt des Schweizerischen Nationalfonds finanziell unterstützt.
Publikation:
Di Giulio A. (2004): Die Idee der Nachhaltigkeit im Verständnis der Vereinten Nationen – Anspruch, Bedeutung und Schwierigkeiten. Münster, Hamburg, Berlin, London: LIT Verlag.